Wer die Vision Gunda Werners verstehen will, muss auch auf ihre Wurzeln schauen. Sie reichen zurück zur FrauenAnstiftung, einer Vorläuferorganisation der heutigen Gunda-Werner-Stiftung. Helga Braun, Diplompädagogin und langjährige Weggefährtin von Gunda, blickt zurück.
Die FrauenAnstiftung – ein radikaler Versuch
Mitte der 1980er Jahre diskutierten die Grünen, ob sie überhaupt staatliche Mittel für eine parteinahe Stiftung annehmen sollten. Als junge Partei verstanden sie sich als Alternative zum etablierten Politikbetrieb und stellten daher die üblichen institutionellen Strukturen infrage.
Parallel dazu entstanden unterschiedliche Modelle für eine grüne Stiftungslandschaft. Da gab es die „alte“ Heinrich-Böll-Stiftung, die den Nachlass ihres Namensgebers verwaltete, sowie ein dezentrales Modell von Länderstiftungen. Plötzlich aber tauchte eine dritte Idee auf: eine autonome Frauenstiftung.Den Anstoß gaben Gunda Werner und ich vom Frauenbildungszentrum Denk-Träume in Hamburg. Wir verfügten über Kontakte zur grünen-alternativen Bildungsszene, die uns aufforderte, uns als feministisches Projekt einem dieser Modelle anzuschließen. Die Landesstiftungen versprachen uns 10-20 % der Mittel, die „alte“ Böll-Stiftung ein eigenes „Hexenhaus“. Wir jedoch fragten uns: „Wieso nicht alles?“ Und spontan verfassten wir den Aufruf: Die grünennahe Stiftung muss eine Stiftung von und für Frauen sein!
Unser Argument folgte einer Gerechtigkeitslogik: Frauen waren über Jahrhunderte hinweg von politischer Macht, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Warum sollte eine grünennahe politische Stiftung diese historische Diskriminierung nicht gezielt ausgleichen? Damit bereiteten die Grünen sichtbar den Weg für eine gesellschaftsverändernde politische Richtung. Nach jahrelangen Kämpfen und parteipolitischen Debatten entschied die Partei salomonisch: Alle drei Modelle wurden zugelassen und die Mittel aufgeteilt. Angesichts des folgenden Geldregens fühlten sich die chronisch unterfinanzierten feministischen Projekte, als ob sie in ein Sterntaler-Märchen geraten wären.1
So entstand die FrauenAnstiftung. Sie wuchs schnell. Hunderte Frauen beteiligten sich in Gremien, Projekten und Arbeitsgruppen. Ein Drittel aller Stellen und Positionen war für Migrantinnen und Women of Color reserviert, ein damals außergewöhnlicher Schritt. Gunda Werner wurde Geschäftsführerin, gemeinsam mit Christa Merkel, einer ehemaligen Grünen. Eine einfache Aufgabe war das nicht, denn die Frauenbewegungen waren von radikal basisdemokratischen und kollektivistischen Vorstellungen geprägt. Gunda bewegte sich immer in einem Spannungsfeld: Sie teilte die Kritik an autoritären Formen, wusste aber als Philosophin und politische Praktikerin, dass Organisationen Regeln, Verantwortlichkeiten und verlässliche Abläufe brauchen.
Die Diskussionen waren intensiv und oft konflikthaft, aber produktiv. Unsere politischen Ansprüche waren hoch und die Perspektiven unterschiedlich. Endlos haben wir diskutiert, gerungen, gestritten, mit einem Höchstmaß an Engagement und Motivation.2 Trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieser Vielfalt wurde unsere Arbeit von den Ministerien regelmäßig als professionell und innovativ gelobt. Leider blieb die Stiftung nach außen eher unsichtbar. Was war der Grund? „Weibliche Bescheidenheit“? Zu wenig Erfahrung mit (meist männlich dominierten) Netzwerken?
Abschied von der Autonomie: Reformprozess
Mitte der 1990er Jahre geriet das Modell der drei Teilstiftungen unter Zugzwang. Aus Sicht von Partei und Fraktion waren die Strukturen zu komplex und nicht effizient genug. Die Entscheidung fiel: Zusammenlegung und Gründung einer neuen Gesamtstiftung.Für viele in der FrauenAnstiftung war das ein Schock. Schließlich stand mehr auf dem Spiel als organisatorische Veränderungen. Es ging um politische Autonomie, feministische Räume und die Frage, ob mühsam errungene Errungenschaften erhalten bleiben.
Auch Gunda sah die Risiken. Doch während viele in Abwehrstellung gingen, fragte sie:
Wie könnte aus einer Zusammenlegung etwas Besseres entstehen?
Zusammen mit anderen Oppositionellen aus den Teilstiftungen fingen wir beide an, an einem neuen Modell zu arbeiten. Das machte uns nicht unbedingt beliebt. Viele Anstifterinnen empfanden den Reformkurs insgesamt als Kapitulation. Gunda jedoch interessierte sich mehr für die Zukunft als für nutzlose Rückzugsgefechte. Als ein Reformvorstand eingesetzt wurde, vertraten wir beide die FrauenAnstiftung im Reformausschuss, in dem Vertreter:innen aus Teilstiftungen plus Dachverband, Gesamtbetriebsrat, Partei und Fraktion saßen. Unsere Aufgabe: Grundlagen für die neue Gesamtstiftung entwickeln.
Die Ausgangslage war schwierig, denn bisher hatten die Teilstiftungen untereinander konkurriert. Auch gab es unterschiedliche politische Kulturen, gegensätzliche Interessen und Misstrauen. Doch letzten Endes wurden wir ein konstruktives Team. Im Wochentakt reisten wir umher, um Strukturen, Entscheidungswege und politische Ziele zu diskutieren. Gunda hatte eigens dafür ein Zusatzstudium der Organisationswissenschaft begonnen und brachte kontinuierlich neue Ideen ein. Ihre Überzeugung war, dass politische Ziele und organisatorische Formen zusammenpassen müssen.3
Die Entdeckung der Geschlechterdemokratie
In einem Workshop ging es um die Entwicklung eines übergreifenden Leitbilds. Auf „Demokratie“ konnten wir uns schnell einigen. Doch wie sollte das feministische Erbe der FrauenAnstiftung integriert werden, ohne es als Nischenthema zu isolieren? Und die gesamte Organisation würde man wohl eher nicht auf Feminismus verpflichten können.
Die Stimmung war angespannt, schließlich ging es um die Grundwerte der künftigen Stiftung.
Dann fiel der Begriff: „Geschlechterdemokratie.“4 Das veränderte die Atmosphäre. Im Begriff trafen sich demokratische Prinzipien mit feministischen Anliegen. Geschlechtergerechtigkeit wäre nicht länger ein Frauen- bzw. ein Minderheitenanliegen, stattdessen eine Frage, die gleichermaßen (Cis-)Männer angeht.
Gunda erkannte dieses Potenzial sofort. Das Leitbild der Geschlechterdemokratie beschrieb das Ziel einer Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Ressourcen, Bedürfnissen und Sichtweisen unabhängig von Geschlecht gleichberechtigt beteiligt sind. Sie erkannte die Möglichkeit, feministische Politik aus ihrer bisherigen Nische herauszuführen und als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe zu formulieren.
Eine offene Organisationsvision
Doch Gunda wusste, dass eine Vision allein nicht genügt. Geschlechterdemokratie musste institutionell verankert werden. Deshalb entwickelten wir im Reformausschuss ergänzende Forderungen wie paritätische Besetzungen, neue Beteiligungsstrukturen und die Idee eines feministischen Think Tanks, ein „Feministisches Institut“, das Impulse nach innen wie nach außen geben sollte.
Eine weitere Innovation war die neue Organisationsform. Gunda setzte sich für flache Hierarchien und Selbstorganisation ein, Ansätze, die ihrer Zeit voraus waren. Doch der Vorschlag des Reformausschusses setzte sich in der Gründungsversammlung der Heinrich Böll Stiftung nicht durch. Das übliche Pyramidenmodell siegte. Trotzdem wirkten viele von Gundas Organisationsideen weiter und prägten die neue Stiftung. So wurde z.B. Geschlechterdemokratie als Gemeinschaftsaufgabe in der Satzung der neuen Stiftung verankert und organisatorisch mit einer Stabsstelle ausgestattet. Das bedeutet bis heute, alle Mitarbeiter:innen müssen in ihren jeweiligen Arbeitskontexten sich für die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie einsetzen, diese Perspektive in ihre Arbeit integrieren und mit Leben füllen.
Henning von Bargen, Gundas ehemaliger Kollege und Ko-Leiter der Stabsstelle, mit dem sie das Konzept der Geschlechterdemokratie gemeinsam ausgearbeitet hat, erzählt, wie es nach Gundas Tod weiterging: "2007 entstand aus dem ‚Feministischen Institut‘ und der Stabsstelle Geschlechterdemokratie das heutige Gunda-Werner-Institut (GWI). Im GWI geht es darum, die konzeptionellen Stärken von Feminismus und Geschlechterdemokratie zu vereinen und produktiv zu machen. Deshalb bleiben feministische Analysen und Praxen für die gesamte Heinrich-Böll-Stiftung wichtige Strategien, um politische Impulse zu setzen, Diskurse anzustoßen und Veränderungsdruck zu erzeugen.“
Geschlechterdemokratie plus Intersektionalität
Heute ist es im Gunda Werner Institut selbstverständlich, Geschlechterverhältnisse intersektional zu verstehen. Damals kannten wir den Begriff der Intersektionalität nicht, das Problem jedoch war uns bewusst. Wir sprachen von der „Matrix der Unterdrückung“, um auszudrücken, dass Ungleichheit nicht nur Geschlecht betrifft, sondern auch Herkunft, Klasse, Rassifizierungen, Behinderung, Sexualität, Alter oder Religion.
Gunda kannte das aus eigener Erfahrung: als Arbeiterkind, für das ein Studium zunächst undenkbar war; als Lesbe, die täglich Diskriminierung erlebte; als Frau, die mit ihrem klugen Kopf aneckte. Sie wusste, dass Menschen selten nur auf eine Weise benachteiligt sind. Sie wäre froh gewesen, hätte es den Begriff der Intersektionalität damals schon im deutschen Diskurs gegeben. Das hätte jedoch Geschlechterdemokratie nicht ersetzen können, denn:
- Intersektionalität macht sichtbar, wie sich verschiedene Ungleichheiten überschneiden und verstärken.
- Geschlechterdemokratie definiert das Ziel einer durchweg gleichberechtigten Gesellschaft.
Demokratie lebt von Vielfalt, Reibung und unterschiedlichen Erfahrungen. Nichts schwächt sie mehr als Wünsche nach Homogenität. Das gilt heute mehr denn je.
Vielleicht liegt darin die anhaltende Relevanz von Geschlechterdemokratie mit ihren grundlegenden Fragen: Wer wird gehört? Wer entscheidet? Wer bleibt außen vor? Geschlechterdemokratie bleibt unverändert aktuell: als offene Einladung, Demokratie immer wieder neu zu denken und zu praktizieren.
1Zur Gründung s. FrauenAnstiftung, https://frauenanstiftung.org/gruendungsphase, Abruf: 09.06.2026
2 S. FrauenAnstiftung, „Strukturen“, https://frauenanstiftung.org/strukturen, Abruf: 9.06.2026
3Zur Geschichte s. FrauenAnstiftung, https://frauenanstiftung.org/geschichte, Abruf: 09.06.2026
4Halina Bendkowski brachte den Begriff in die Antigewaltkampagne der österreichischen Frauenministerin ein; s. Johanna Dohnal: „Test the West. Geschlechterdemokratie und Gewalt.“ In: Maria Mesner; Heidi Niederkofler: „Johanna Dohnal. Ein politisches Lesebuch“. Mandelbaum-Verlag Wien 2013, S. 23 ff.